Gießener Allgemeine (24. April 2008)

"Wir wollen den Ermordeten ein Gesicht geben"

Gießen (pd). Verlegt werden die "Stolpersteine" erst am Samstag, wie groß das Interesse an der Aktion zur Erinnerung Gießener Opfer des Nationalsozialismus ist, wurde am Dienstagabend im Netanya-Saal deutlich. Die Gedenkveranstaltung konnte erst mit einer kleinen Verspätung beginnen, weil in den hinteren Reihen noch Stühle bereitgestellt werden mussten für die unerwartet große Zahl an Besuchern.


Dr. Susanne Meinl (l.) und Monika Graulich erinnerten an Dr. Wilhelm und Gertrud Bachenheimer. (Foto: pd)

So freute sich Monika Graulich von der Gießener Initiativgruppe »Stolpersteine« über die große Resonanz und darüber, »dass unsere Idee auf fruchtbaren Boden gefallen ist«. Man habe sich dazu entschieden der Würdigung der Opfer einen eigenen Rahmen zu geben, kündigte sie die Beiträge der nachfolgenden Referenten an, die an die Schicksale ehemaliger Mitbürger von Dr. Ludwig Katz bis Beate Rubin erinnerten.

Mit einem Rückblick begann auch Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann seine Ansprache. Vor einem Jahr sei das Thema »Stolpersteine« in die parlamentarischen Gremien gebracht worden. Die Idee, das Gedenken an die Opfer nicht nur an zentralen Stätten, sondern auch an privaten Erinnerungsorten wachzuhalten, sei auf breite Zustimmung gestoßen. Dass man in Gießen ein besonderes Verhältnis zu den ehemaligen jüdischen Mitbürgern habe, sei erst kürzlich beim Besuch einer städtischen Delegation in der Partnerstadt Netanya wieder deutlich geworden. Die Besuche beim Gießener Ehrenbürger Dr. Avraham Bar-Menachem und bei »Jossi« Stern hätten enge Verbundenheit dokumentiert. »Wir müssen uns diesem dunklen Teil unserer Vergangenheit stellen« forderte der OB mit Blick auf die NS-Zeit und dankte der Initiativgruppe für die Veranstaltung, der eine weitere Gedenkfeier am Freitag in der Ricarda-Huch-Schule und am Samstag mit dem Beginn der »Stolperstein«-Verlegung um 13 Uhr in der Wiesecker Keßlerstraße folgen werden. Dies könne dem einen oder anderen Anlass geben, über das Schicksal jüdischer Familien nachzudenken.

Nachdenklich machte auch die Rede von Dr. Susanne Meinl, die die Phasen der Vertreibung von Juden in Gießen darstellte. Es gebe eine Jahrhunderte alte antisemitische Tradition in Oberhessen, begann sie ihren historischen Abriss. Judenfeindliche Tendenzen habe es auch in der Weimarer Republik gegeben, erinnerte sie daran, dass die NSDAP erstmals 1929 in städtischen Gremien saß. Übergriffe seien ab 1933 an der Tagesordnung gewesen, und auch in Gießen hätten in der Reichspogromnacht 1938 die beiden Synagogen gebrannt. Meinl ging auf die »Deportationswelle« ein, die im September 1942 auch Gießen und Umgebung erfasst habe. 150 Juden seien damals deportiert worden, nachdem sie zuvor in der Goetheschule zusammengetrieben und zum Bahnhof gebracht worden seien. Über Darmstadt habe die Deportation nach Theresienstadt geführt. »Wir wollen den Ermordeten ein Gesicht geben«, bekräftigte sie die Grundidee der »Stolperstein«-Aktion.

Auch Monika Graulich widmete sich anschließend den Wegen Gießener Juden in die Deportation, erinnerte an die Vertreibung der Menschen aus ihren Häusern und an die schrecklichen Bedingungen in den Konzentrationslagern.

Lebensläufe und persönliche biografische Fakten stellten anschließend die Patinnen und Paten heimischer NS-Opfer vor. Ursula Schroeter beispielsweise beleuchtete das Schicksal des Wiesecker Arztes Dr. Ludwig Katz und seiner Familie, die 1942 in Treblinka ermordet wurden. Mit dem Werdegang von Dr. Wilhelm Bachenheimer, dem Vermögensverwalter der jüdischen Gemeinde Gießen, und seiner Frau Gertrud beschäftigten sich Susanne Meinl und Monika Graulich.

Musikalisch wurde die Gedenkveranstaltung angemessen umrahmt von Dorothea Haupt. Die Lehrerin der Goetheschule brachte am Flügel Stücke von Mendelssohn-Bartholdy zu Gehör.

mit freundlicher Genehmigung der Redaktion