Gießener Allgemeine (28. April 2008)

23 Steine und Tränen für die Mädchen vom Lyzeum

Gießen (mö). Im Rahmen der Gedenkaktion »Stolpersteine« sind am Samstag in Gießen die ersten 23 Messingplaketten angebracht worden. Dazu war der Aktionskünstler Gunter Demnig aus Köln angereist, um seine »Stolpersteine« zu verlegen.


Gunter Demnig in der Wiesecker Keßlerstraße. Im Hintergrund die Paten der drei Steine.

Die Steine erinnern an jüdische Bürger Gießens, die im Dritten Reich ermordet wurden. Eingebettet in die erste hiesige Verlegung war eine Gedenkveranstaltung am Freitagmittag in der Ricarda-Huch-Schule. Dabei flossen in der vollbesetzten neuen Aula Tränen, als Schüler und Lehrer die Biographien und Familiengeschichten von elf ehemaligen Schülerinnen des Lyzeums verlasen, deren kurze Lebenswege vor 65 Jahren in Auschwitz, Treblinka oder an unbekanntem Ort in Osteuropa endeten. Tags darauf wurden von Demnig vor dem historischen Nordportal der ehemaligen Mädchenschule zehn »Stolpersteine« verlegt.

Begonnen hatte die Verlegung am Samstagmittag in der Keßlerstraße in Wieseck vor der Hausnummer 15. Dort hatte die Arztfamilie Katz bis 1939 gelebt. Dr. Ludwig Katz, seine Frau Sofie und Tochter Hildegard wurden 1942 über Darmstadt deportiert und kamen in Treblinka um. Paten für die drei »Stolpersteine« sind Ursula und Jürgen Schroeter sowie eine Klasse der Friedrich-Ebert-Schule. Zusammen mit den Schülern gestaltete Ursula Schroeter die erste Verlegung. Mit dabei war auch Hauseigentümerin Dr. Birgit Hirte-Schönwald, die dankbar für die Aktion ist, sich allerdings auch betrübt zeigte, nicht rechtzeitig eingebunden gewesen zu sein. Ein Versäumnis, das die Initiativgruppe »Stolpersteine« auf ihre Kappe nahm. Klaus Weißgerber gelobte Besserung. »Wir lernen täglich dazu.«

In der kleinen Wiesecker Seitenstraße hatten sich fast 100 Menschen versammelt, als Demnig die drei Steine im Pflaster versenkte. Der Künstler zeigte sich beeindruckt von der Anteilnahme. »So viele Leute habe ich nicht oft bei Verlegungen. Und das an einem Samstagmittag«, staunte der Kölner. Neben Paten und Schülern waren Vertreter der Stadtverordnetenversammlung, des Magistrats und Ortsbeirats zugegen, dazu interessierte Wiesecker, darunter auch Ältere, die als Kinder noch Patienten von Dr. Ludwig Katz waren. Weitere Stationen waren die Ricarda-Huch-Schule, die Schillerstraße, wo Dr. Wilhelm Bachenheimer und Gertrud Bachenheimer gedacht wurde (Paten: Susanne Meinl und Monika Graulich), die Neuen Bäue, wo drei Steine für Moritz, Lotte und Werner Herz verlegt wurden (Paten: Christa Schreier, Herbert Schweiger und Richard Wagner) sowie der Marktplatz, wo vor den Hausnummern 6 und 11 nunmehr an Ignatz und Anna Pfeffer (Pate: Christa Landgraf und Peter Schlagetter-Bayertz [korrigiert gg. Originalartikel]) sowie Julius, Claire und Esther Stern (Paten: Christel Buseck, Jens Priwitzer) erinnert wird.

Die ersten Gießener Steine reihen sich damit ein in ein mittlerweile großes Projekt. Demnig sprach von insgesamt 15 000 Steinen, verlegt in über 300 Kommunen. Zu wiederholt geäußerten Bedenken, sein Projekt lade zum »Herumtrampeln« auf den Opfern ein, sagte Demnig. »Nach einer gewissen Zeit ist mir bei den «Stolpersteinen» aufgefallen: Wer sie lesen will, macht automatisch eine Verbeugung.«

Hinter der »Stolperstein«-Verlegung in der Ricarda-Huch-Schule steht jahrelange Recherchearbeit in Archiven und in Gesprächen mit überlebenden Familienangehörigen und Zeitzeugen aus Gießen. Mit alten Fotos und teilweise detaillierten Informationen über das Leben der jüdischen Familien beeindruckten Marwa Baccars, Alena Hilpert, Cora Petermann, Felicitas Westerburg, Sandra Baker, Lea Krausgrill sowie die Lehrer/innen Christel Buseck, Brigitte Itzerott, Rolf Weinreich und Schulpfarrerin Sabine Roth-Nagel die Gäste, darunter ältere Gießener und einige andere »Stolperstein«-Paten. Der Beitrag für Ellen Jakob kam von der Historikerin Dr. Susanne Meinl. Zugegen waren auch Schuldezernent Dr. Volker Kölb und Vertreter der jüdischen Gemeinde. Ihr Beifall galt nicht nur den Rechercheuren, sondern auch Nathalie Kochs Liedern.

Gedacht wurde der jüdischen Mädchen Margot Adler, Rosa Baer, Hildegard Goldschmidt, Hilde Kann, Gertrud Katz, Marianne Rosenbaum, Beate Rubin, Margot und Sonja Salomon sowie Esther Stern, deren Stein am Marktplatz verlegt wurde, dort, wo früher ihr Elternhaus stand, das in Gießen als »Kaminkahaus« bekannt ist. Lehrer Rolf Weinreich betonte: »Das ist nicht der Schlusspunkt unserer Recherchen. Es gibt noch viele offene Fragen.« Im Haus A der Schule zeigt die Gruppe eine kleine Ausstellung. Die nächste Verlegung soll im September stattfinden, weitere sind angesichts des großen Interesses an Patenschaften geplant.

mit freundlicher Genehmigung der Redaktion