Gießener Anzeiger (15. April 2008)

"Durch Stolpersteine wird Geschichte anders greifbar"

Verlegung am 26. April - Zwei Gedenkveranstaltungen - Zeitzeugen und Paten gesucht


Die Verlegung der ersten Stolpersteine steht kurz bevor, für die Mitglieder der Gießener Initiativgruppe - von links: Christel Buseck, Frank Pötter, Dagmar Klein, Klaus Weißgerber und Monika Graulich - ist die Arbeit damit aber noch lange nicht beendet. (Bild:Docter)

GIESSEN (fod). Werner Herz war gerade erst 17 Jahre alt geworden, als er am 14. September 1942 mit seiner Schwester Lotte und Vater Moritz zusammen mit den anderen 150 noch in Gießen lebenden Juden von der Gestapo verhaftet und zwei Wochen später ins Vernichtungslager Treblinka deportiert wurde. Noch gut kann sich Richard Wagner, heute Mitte 80, an seinen damaligen Klassenkameraden an der städtischen Knabenschule, der alten Pestalozzischule, erinnern. Der Zeitzeuge ist einer der Paten und Spender von 23 "Stolpersteinen", die am 26. April an sechs Stellen der Stadt verlegt werden sollen, um Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken. Dabei handelt es sich um fünf Familien, dreizehn jüdische Frauen und Männer, sowie zehn jüdische Schülerinnen der früheren Höheren Mädchenschule, der heutigen Ricarda-Huch-Schule (RHS). Während diese zehn der jeweils zehn mal zehn Zentimeter großen Messingtafeln ihren Platz vor dem historischen Portal der RHS an der Nordanlage finden werden, verteilen sich die übrigen 13 "Stolpersteine" auf fünf Verlegestellen vor den Häusern Keßlerstraße 15, Schillerstraße 17, Neuen Bäue 23, Marktplatz 6 und Marktplatz 15. An diesen jeweils letzten frei gewählten Wohnadressen der früheren Gießener Mitbürger, bevor man sie in andere Wohnungen zwangsumsiedelte, werden die Tafeln in den Bürgersteig eingelassen. Beginn der Verlegung der Gedenksteine wird um 13 Uhr in der Keßlerstraße in Wieseck sein, bevor die übrigen in der oben genannten Reihenfolge vorgenommen werden. Jedes Mal wird es dabei eine kurze Würdigung der Opfer mit Nennung des Lebenslaufes geben.

Die Idee der "Stolpersteine", die als ein sichtbares Zeichen der Erinnerung dienen und von denen deutschlandweit etwa 12000 Stück verlegt werden sollen, geht auf den Kölner Künstler Gunter Demnig zurück. "Geschichte wird dadurch ganz anders greifbar", ist Monika Graulich wie ihre Mitstreiter von der Initiativgruppe Stolpersteine-in-Giessen, die gestern in den Räumen des Stadtarchivs die Termine bekannt gaben, begeistert von diesem Projekt. Zwar hat man zum Auftakt ausschließlich jüdische Opfer ausgewählt, doch sollen bei der Fortsetzung - der nächste Termin wird im September sein - auch die anderen Opfergruppen wie Sinti und Roma, geistig Behinderte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas sowie politisch Verfolgte, deren erste Deportationen in Arbeitslager sogar bis 1933 zurückreichen, auf die gleiche Weise gewürdigt werden.

Der eigentlichen Verlegung der Steine vorangestellt sind zwei Gedenkveranstaltungen, am 22. April um 19.30 Uhr im Netanya-Saal des Alten Schlosses und am 25. April um 11.30 Uhr in der Ricarda-Huch-Schule. Während die Paten, meist ehemalige Freunde oder Nachbarn, beim ersten Termin biographische Notizen zu den Opfern vorstellen, wollen die Schüler drei Tage später einen Überblick der Ergebnisse ihrer Recherchen geben, mit denen sie versuchen, den Schicksalen der Verschleppten auf die Spur zu kommen. "Es ist uns wichtig, den Schülern nahezubringen, dass es sich bei den Opfern um Menschen wie Du und Ich handelte", betont Christel Buseck. Darüber hinaus sind auch Studierende der Justus-Liebig-Universität am Projekt beteiligt und werden die Veranstaltung am 22. April mit einer Präsentation begleiten.

Initiativgruppe wie Schüler und Studenten haben bei den Recherchen mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen: Viele Dokumente sind im Krieg vernichtet worden oder Personen auf Fotos sind nicht mehr den Namen zuzuordnen. Zeitzeugen werden daher dringend gesucht, so Monika Graulich. Dennoch verfüge man, auch dank zusätzlicher Akten nach dem Mauerfall, inzwischen "über einen ganz anderen Wissensstand". Viele Schicksale konnten aufgeklärt werden, wenngleich manches wohl für immer im Dunkeln bleibt.

Weitere Infos im Internet:
www.stolpersteine-giessen.de

mit freundlicher Genehmigung der Redaktion