Gießener Anzeiger (24. April 2008)

Erinnerung an "zutiefst erschütternde Schicksale"

Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus - Paten berichten - "Stolperstein"-Verlegung


Dr. Susanne Meinl (links) und Monika Graulich, zwei der Paten, die aus dem Leben der Opfer berichteten. (Bild:Docter)

GIESSEN (fod). Die Tage vom 14. bis 17. September 1942 gingen als einige der düstersten in die Geschichte der Stadt Gießen ein. Damals wurden die letzten etwa 150 noch hier lebenden Juden von der Gestapo gewaltsam aus ihren Wohnungen geholt und in der Goetheschule eingesperrt. Zwei Tage später folgte die Verladung in einen Güterzug, der nach einer Nacht auf dem Bahnhof alle Insassen nach Darmstadt brachte. Zwei Wochen danach kam es zur Deportation in Vernichtungslager wie Treblinka und Auschwitz. Mit der Verlegung von 23 vom Kölner Künstler Gunter Demnig entworfenen "Stolpersteinen" an sechs Orten möchte Gießen am kommenden Samstag an einige dieser Schicksale erinnern. Aus diesem Anlass hatte die Initiativgruppe "stolpersteine-in-giessen" zu einer Gedenkveranstaltung ins Alte Schloss eingeladen. Der Andrang war mit etwa 150 Teilnehmern so groß, dass zu Beginn noch zusätzliche Stühle aufgestellt werden mussten. Im Mittelpunkt des Abends stand die Würdigung all jener Menschen, die in Gießen Opfer des Gewaltregimes der Nationalsozialisten, von Vertreibung und Vernichtung wurden. Sei es, weil sie Juden waren, Roma oder Sinti, politische Gegner, Behinderte oder aus anderen Gründen verfolgt wurden. Monika Graulich von der Initiativgruppe sprach von "zutiefst erschütternden Schicksalen", die sich bei den seit über einem Jahr andauernden Recherchen ergeben hätten. Einen Eindruck davon verschafften die von den Paten der Steine gegen das Vergessen, darunter ehemalige Klassenkameraden, Freunde und Nachbarn, vorgetragenen Lebensgeschichten der Opfer.

"Es ist ein Teil unserer Geschichte, eine Verantwortung, der wir uns stellen müssen", machte Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann deutlich. "Geschichte aufarbeiten, eine gemeinsame Zukunft von Juden und Deutschen positiv gestalten und aus der Geschichte lernen", laute für ihn der richtige Weg. Er gab zudem seine Eindrücke wieder, die er bei der Reise einer Gießener Delegation nach Israel kürzlich gewonnen hatte, wozu auch ein Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem gehörte. Am meisten habe ihn dort beeindruckt, dass die Aufarbeitung der Geschehnisse im Nazi-Deutschland "ohne Groll und Hass" und eine pauschalisierende Verurteilung der Deutschen geschehe, hob Haumann hervor.

Im Rahmen einer geschichtlichen Einführung schilderten danach die Historikerin Dr. Susanne Meinl und Monika Graulich, wie der Nationalsozialismus seit den 20er Jahren auch in Gießen und im Umland zunehmend Anhänger fand, was den Weg zu Vertreibung und Vernichtung ebnete. "1923 wurde die erste NSDAP-Ortsgruppe gegründet", berichtete Meinl, "1929 zog die Partei dann erstmals in städtische Gremien ein". Erlass der Rassengesetze, gewaltsame Übergriffe der Bevölkerung, und das nicht nur bei den Pogromen vom November 1938, sowie Zwangsunterbringung (Ghettoisierung) in so genannten Judenhäusern waren die nächsten Stationen, bis die von den Nazis als "Wohnsitzverlegung" verschleierte Deportation erfolgte. Leider, so bedauerte Monika Graulich, ließen sich viele Schicksale heute nicht mehr vollständig rekonstruieren, könne man in manchen Fällen nur Vermutungen darüber anstellen, in welchen Vernichtungslagern die Verschleppten zu Tode kamen. Für den September sind durch die Initiativgruppe weitere Verlegungen von "Stolpersteinen" geplant, kündigte Graulich an. Namensvorschläge dafür seien noch möglich.

Beginnen wird die erste Verlegung am kommenden Samstag, 26. April, um 13 Uhr vor dem Haus Keßlerstraße 15 in Wieseck, dem dann die Orte Ricarda-Huch-Schule (RHS), Schillerstraße 17, Neuen Bäue 23, Marktplatz 11 und Marktplatz 15 folgen werden. Am morgigen Freitag lädt die RHS um 11.30 Uhr zu einer eigenen Gedenkveranstaltung für zehn Schülerinnen ein.

mit freundlicher Genehmigung der Redaktion