Gießener Anzeiger (28. April 2008)

"Ein Geschenk von Bürgern an die Stadt"

Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt 23 "Stolpersteine" gegen das Vergessen an sechs Orten in Gießen und Wieseck


Der Künstler Gunter Demnig bereitet am Marktplatz 15 die Verlegung von drei Stolpersteinen vor (Bild:Docter)

GIESSEN (fod). Schon über 15000 "Stolpersteine" hat der Kölner Künstler Gunter Demnig seit 1991, dem Beginn seiner Aktion zum Gedenken an die unzähligen Opfer nationalsozialistischen Terrors, in ganz Deutschland verlegt. Am Samstag nun war es auch in Gießen so weit, der laut Demnig bereits 325. Kommune. An sechs Orten in der Innenstadt sowie in Wieseck wurden insgesamt 23 Steine gegen das Vergessen, jeder davon zehn mal zehn Zentimeter groß und mit einer goldfarbenen Tafel mit Namen und Daten zu Alter und Todesort darauf, in das Pflaster eingesetzt.

Entscheidend für die Auswahl der Stellen war, dass es sich dabei um die letzten frei gewählten Wohnorte der später in Konzentrationslagern Ermordeten handeln musste. Seit über einem Jahr hatte die Initiativgruppe "stolpersteine-in-giessen" die Verlegung vorbereitet und dafür Paten gewinnen können. Während zunächst ausschließlich ehemalige jüdische Mitbürger gewürdigt wurden - darunter auch elf Schülerinnen des früheren Lyzeums, wie die Ricarda-Huch-Schule (RHS) einst hieß -, sollen bei der Fortsetzung im September auch andere Verfolgte bedacht werden.

Die Gedenksteine seien "ein Geschenk von Bürgern an die Stadt", betonte Gunter Demnig, der von Mitarbeitern des Gießener Tiefbauamts tatkräftig unterstützt wurde. Kritikern, die sich darüber aufregten, dass man nun durch die Pflastersteine "wie damals die Nazis auf den Opfern herumtrampele", entgegnete der Künstler, dass es vollkommen abwegig sei, Folter und Ermordung damit gleichzusetzen. Gleichzeitig gestand der Kölner aber auch, vor der Realisierung seiner Idee selbst ein wenig skeptisch gewesen zu sein, wie die Öffentlichkeit darauf reagieren würde. Inzwischen kann er sich bestätigt fühlen. "Das Interesse ist so groß, dass es schon Termine für 2010 gibt", berichtete er.

Erster Ort der Verlegung war am Samstagmittag vor dem Wohnhaus Keßlerstraße 15 in Wieseck. Dort hatte bis 1939 der Arzt Ludwig Katz mit seiner Ehefrau Sofie und Tochter Hildegard gelebt, bevor sie in ein Judenhaus umquartiert wurden und nach der Deportation mit weiteren 150 Gießener Juden, im September 1942 im Konzentrationslager Treblinka ermordet wurden. "Viele ältere Wiesecker erinnern sich dankbar an Dr. Katz, der Bedürftige in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten auch ohne Honorar behandelt hat", betonten die Paten Ursula und Jürgen Schroeter. Nächste Station war der Eingang des alten Gebäudes der Ricarda-Huch-Schule in der Nordanlage, wo Schülerinnen und Lehrer, wie auch die übrigen Paten an den anderen Orten, rote Rosen neben den zehn hier in das Pflaster eingesetzten Gedenktafeln niederlegten und Christel Buseck und Rolf Weinreich an das Schicksal der 13 bis 21 Jahre alt gewordenen und meist in Auschwitz oder Treblinka ermordeten Schülerinnen erinnerten. Zu Fuß ging es dann erst weiter auf die andere Straßenseite zum Haus Schillerstraße 17 und dann zur Neuen Bäue 23, dem früheren Bankhaus der Familie Herz, das bei den Pogromen 1938 verwüstet wurde und dessen Keller in den Folgejahren für Verhöre und Folter diente, worauf eine bereits angebrachte Gedenktafel hinweist.

Am Marktplatz schließlich wurden die letzten fünf "Stolpersteine" verlegt: Zum einen vor der Adresse Nummer 11 (damals noch Nr. 6) direkt vor der dortigen Volksbank-Filiale und Eisdiele sowie vor dem Eingang zur Infozentrale der Stadtwerke am Haus Nummer 15 (einst Nr. 11) für die Familie Julius, Claire und Esther Stern. Unter der ersten Adresse hatte damals auch Fritz Pfeffer, eines von fünf Kindern des 85 Jahre alt gewordenen Ignatz Pfeffer, gelebt. Unter dem Pseudonym "Alfred Dussel" ist Fritz Pfeffer in das berühmte Tagebuch der Anne Frank eingegangen, mit der er einige Monate im Versteck des Hinterhauses in der Prinsengracht 263 in Amsterdam zusammenlebte.

mit freundlicher Genehmigung der Redaktion