Gießener Anzeiger (5. Februar 2009)

Namenlose Opfer dem Vergessen entreißen

Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt zum zweiten Mal Stolpersteine in Gießen - Erinnerung an 26 Opfer des NS-Regimes


Anrührendes Kunstprojekt: Gunter Demnig im vergangenen April bei der Verlegung von Stolpersteinen am Marktplatz 15. (Bild: Docter)

Heinrich und Elisabeth Will

GIESSEN (bl). Das Ziel ist ehrgeizig und ehrenwert. Unbekannte, die in Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ermordet wurden, sollen wieder "einen Namen bekommen": Zu ihnen gehören Juden, Euthanasieopfer, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Behinderte oder Zeugen Jehovas. Wider das Vergessen werden daher nun auch in Gießen zum zweiten Mal Stolpersteine von dem Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt. Insgesamt sind es 26 Schicksale, derer am 12. und 13. Februar an 13 Orten gedacht wird. Mit zunächst unbekanntem Ziel wurden 20 dieser Opfer am 27. und 30. September 1942 von Darmstadt aus in die Lager Treblinka oder Theresienstadt transportiert. Oft hätten die Nazis erst unterwegs darüber entschieden, wohin der Weg führe, erläuterten Monika Graulich und ihre Mitstreiterinnen Christel Buseck und Ursula Schroeter von der "Initiativgruppe Stolpersteine-in-Giessen". "Je nachdem, welches Vernichtungslager noch ausreichend Kapazitäten besaß."

Elf jüdische Männer und 14 jüdische Frauen gehören zu den Ermordeten, oft sind Ehepaare und Geschwister darunter. Der Älteste ist Hermann Michel mit 77 Jahren , der Jüngste Martin Fuld mit 21 Jahren. Sieben Mal sind alleinstehende Frauen betroffen. Die nämlich konnten damals aus wirtschaftlichen Gründen häufig nicht rechtzeitig ausreisen, so Graulich. Bei einem weiteren Opfer des NS-Regimes handelt es sich um die Euthanasiepatientin Anna Maria Markel, die in Hadamar umgebracht wurde. Mit Gerda Dreifuss aus Watzenborn wird auch an eine jüdische Euthanasiepatientin erinnert. Zu den bekanntesten Gießenern, die nächste Woche mit einem Stolperstein gewürdigt werden, sind sicherlich Heinrich und Elisabeth Will zu rechnen. Bei den so genannten Freitagskränzchen in der Wohnung Dr. Alfred Kaufmanns hatten sie regelmäßig "Feindsender" gehört und darüber diskutiert. Durch den Verrat einer eingeschleusten Gestapo-Agentin flogen sie später auf. Während Heinrich Will am 19. Februar 1943 unter dem Fallball in der Strafanstalt Frankfurt-Preungesheim starb, wurde seine Frau wohl in Auschwitz vergast. Ein Todestag ist nicht bekannt.

Stolpersteine, die als sichtbares Zeichen der Erinnerung dienen, liegen inzwischen in über 300 Orten Deutschlands, ebenso in Österreich, Ungarn und in den Niederlanden. In Gießen sind die Opfernamen an die Initiativgruppe herangetragen worden. Oftmals sind zuvor Nachbarn aktiv geworden. Für 95 Euro kann jeder eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins übernehmen. Anschließend wird eine Spurensuche nötig, auf die sich der Spender begeben kann, aber nicht muss. "Wir haben mehr Spender als Spurensucher", weiß Christel Buseck um die schwierige Recherche.

Auch die Suche nach den damaligen Wohnorten der Opfer - entscheidend für die Auswahl ist deren letzte frei gewählte Wohnadresse - erweise sich oftmals nicht als einfach, ergänzte Graulich. "Denn Gießen war nach dem Krieg eine verwundete Stadt." Und so seien Grundstücke nach 1945 neu zugeschnitten worden, auch gebe es heute manche Straße nicht mehr. Bertha und Maier Levi beispielsweise lebten damals in der Neustadt 39, inzwischen Hausnummer 21. "Auf die Ämter in Gießen können wir daher nur Loblieder singen", betonen Graulich und Buseck. Denn das Vermessungsamt sei sehr hilfsbereit gewesen. Auch das Tiefbauamt habe die Verlegestellen bereits vorbereitet. Graulich: "Die Kooperation ist toll."

Zum Auftakt gibt es um 13.30 Uhr in Kleinlinden ein Gedenken an Anna Maria Markel (Weigelstraße 3), eine weitere Gedenkfeier findet in der Liebigstraße 37 für die Familie Kann statt. Abgeschlossen wird der erste Tag im Schulhof der Goetheschule. Dort war damals das Sammellager für alle Deportierten in Gießen untergebracht. Schüler aus dem Deutsch-Leistungskurs der Gesamtschule Gießen-Ost präsentieren an dieser Stelle ihre Ergebnisse zu Inbert und Martin Fuld sowie Dora Selig. Am zweiten Tag beginnen die Verlegungen bereits um 9 Uhr in der Marburger Straße 10, Ende ist um 10.45 Uhr in der Ludwigstraße 45.

Dass das Projekt "Stolpersteine" längst zu einer arbeitsintensiven und zeitaufwendigen "Daueraufgabe" geworden ist, deutet Ursula Schroeter, Vorsitzende des Heimatvereins Wieseck, an. "Denn solange Interesse besteht, können wir nicht einfach aufhören." Schon im Oktober sollen in Wieseck sechs weitere Gedenktafeln in Bürgersteige eingelassen werden, in Gießen nochmals zwei.

mit freundlicher Genehmigung der Redaktion