Gießener Anzeiger (13. Februar 2009)

Lebensgefährlicher Einsatz für das Vaterland zählte nicht mehr

Studienrat Dr. Siegfried Kann und seine Familie "wurden ausgelöscht" - In der Liebigstraße 37 "gelebt und integriert" - Freiwilliger im Ersten Weltkrieg


"Ausgelöscht": Die deutsche Familie Kann wurde von den Nazis ermordet.

GIESSEN (hh). An seinem letzten Schultag trug er einen schwarzen Anzug. Und das Eiserne Kreuz 1. Klasse deutlich sichtbar am Revers. Denn Dr. Siegfried Kann war für seine Tapferkeit im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet worden. Das aber war keineswegs seine einzige Erinnerung an die Kämpfe, zu denen er sich "aufgrund seiner patriotischen Gesinnung" freiwillig gemeldet hatte. Eine tiefe Narbe nämlich zierte deutlich sichtbar die Stirn des am 4. Juni 1886 in Mainzlar geborenen Altphilologen. Nach einer schweren Verletzung durch eine Schrapnell - einer mit Metallkugeln gefüllten Artilleriegranate - musste eine Silberplatte Teile der Schädeldecke ersetzen. Doch seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zählte dieser lebensgefährliche Einsatz für das Vaterland nicht mehr viel. Der Studienrat, der seit 1909 Latein und Griechisch am Landgraf-Ludwig-Gymnasium unterrichtete, wurde nämlich aus dem Schuldienst verbannt. Denn das so genannte "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 untersagte die Beschäftigung von Juden im Staatsdienst. Und Dr. Siegfried Kann war Jude. Deshalb erhielt das Gymnasium am 25. April 1933 vom Regierungspräsidenten die Anweisung, den Vater zweier Töchter sofort zu entlassen. Vier Tage später betrat er "seine" Schule zum letzten Mal. Seit 1996 schon würdigt eine Gedenktafel im Foyer von Haus A den "ausnehmend guten, geschätzten und beliebten Lehrer", zu dem Gunter Weckemann in der Festschrift "400 Jahre Landgraf-Ludwig-Gymnasium" etliche Informationen veröffentlicht hat.

Und seit gestern nun erinnern vier "Stolpersteine" in der Liebigstraße 37 an Siegfried Kann, seine Frau Martha (geborene Jacoby) sowie die beiden Töchter Hilde und Else. "Diese Familie hat in Gießen gelebt, war hier Zuhause und integriert", sagt Christel Buseck von der Stolperstein-Initiativgruppe Gießen im Gespräch mit dem Anzeiger. Und diese ganze deutsche Familie "wurde ausgelöscht". Nach seiner Entlassung war Siegfried Kann noch einige Jahre an der "Jüdischen Bezirksschule" in Bad Nauheim tätig. Doch die wurde nach der Pogromnacht im November 1938 aufgelöst und der Altphilologe musste - wie viele Juden - Straßenreinigungsarbeiten verrichten. Zur Zwangsarbeit sei auch die 1923 geborene Tochter Hilde verpflichtet worden, sagt Christel Buseck, die als Lehrerin an der Ricarda-Huch-Schule (RHS) arbeitet. Diese besuchte auch "das stille, sehr kluge Mädchen". Bis laut Verordnung des Schulamtes jüdische Kinder vom Unterricht ausgeschlossen wurden. An Hilde Kann und zehn jüdische Mitschülerinnen erinnern eine Dauerausstellung in der RHS, die von Schülern zusammengestellt worden ist, und die im vergangenen April gelegten Stolpersteine an der Nordanlage.

Wahrscheinlich musste die Familie Kann von der Liebigstraße in das Gettohaus in der Landgrafenstraße umziehen. Anfang 1942 wurden die Eltern und ihre beiden Töchter zur Goetheschule gebracht und von dort am 17. September über Darmstadt nach Theresienstadt deportiert. In den Unterlagen des Konzentrationslagers allerdings wird die jüngere Tochter nicht erwähnt. Siegfried Kann starb dort am 19. Februar 1943 - wohl an Unterernährung und Entkräftung. Martha und Else Kann wurden am Anfang Oktober 1944 nach Auschwitz transportiert und ermordet. Hilde Kann folgte Mutter und Schwester zwei Wochen später nach Auschwitz und in den Tod.

mit freundlicher Genehmigung der Redaktion