Gießener Anzeiger (14. Februar 2009)

"Automatisch eine Verbeugung" vor den NS-Opfern

Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt weitere elf "Stolpersteine" in der Innenstadt - Schüler der Liebigschule rezitieren Gedicht - Moment des Innehaltens


Erst stolpert der Fuß, dann das Herz: Vor dem Anwesen Steinstraße 69 verstummten die Gespräche im Gedenken an die ermordete Gerda Dreyfuss. (Bild: Möller)

GIESSEN (hh). Unmittelbare Nachbarn hätten sie sein können. Maier Levi wohnte nämlich mit seiner Familie in der Jahnstraße 22. Und geboren wurde Gerhard Merz in der Jahnstraße 24. Allerdings viele Jahre nachdem der jüdische Viehhändler bereits von Groß-Bieberau im Odenwald nach Gießen gezogen war. Aber auch dort hätten die beiden durchaus in Kontakt kommen können. Schließlich hat es den SPD-Politiker ebenfalls nach Mittelhessen verschlagen. Doch kennengelernt haben sich die beiden nicht. Denn Maier Levi und seine Frau Bertha wurden ermordet. Von den Nationalsozialisten im Vernichtungslager Treblinka. An das Ehepaar erinnern nun zwei "Stolpersteine" in der Neustadt 21. Dort nämlich stand das Wohnhaus der Familie. Die "Patenschaft" dafür hat Merz übernommen. Und nachdem der Kölner Künstler Gunter Demnig mit tatkräftiger Unterstützung von zwei Mitarbeitern des Tiefbauamtes die Erinnerungssteine verlegt haben, stellt der 56-Jährige das traurige Schicksal des jüdischen Ehepaares vor. Ein kurzer Moment des Innehaltens mitten in der Stadt. Immer wieder schauen Passanten zu der Gruppe im Halbkreis. Einige bleiben auch stehen, hören kurz zu und hasten weiter. Dann drängt auch Gunter Demnig zum Aufbruch. Schließlich verwahrt er noch mehr "Stolpersteine" mit Messingplatte in seinem Auto, die im Zentrum von Gießen verlegt werden sollen.

Als nächstes für Helene Wallach in der Bismarckstraße 14. Schon ihre Großeltern hatten am Marktplatz ein Geschäft betrieben, das die Eltern übernommen hatten. Die starben aber bereits 1920 und ihr älterer Bruder zog nach Wiesbaden. Damals war Helene Wallach 19 Jahre alt und lebte fortan allein. Mit anderen Gießener Juden wurde sie im September 1942 deportiert und vermutlich ebenfalls in Treblinka ermordet. Schüler der Klasse 10 A der Liebigschule rezitieren nach der Verlegung des "Stolpersteins" für Helene Wallach ein Gedicht von Mascha Kaléko. Schließlich hat die deutsche Jüdin schräg gegenüber der Schule gewohnt und das Thema "Drittes Reich" steht gerade auf dem Lehrplan der jungen Leute. Nun seien dort weitere Forschungen zu der Familie geplant, berichtet ein Schüler. Ganz in der Nähe haben auch Franziska und Hermann Michel gewohnt. In der Bleichstraße 28. Aus Gladenbach war das Ehepaar im Jahr 1908 zugezogen, um in die Pferdehandlung der Familie in der Innenstadt einzusteigen. Doch schon ein Jahr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten meldeten sie das Geschäft ab. Wohl unter Druck. Hermann Michel wurde nach der Reichspogromnacht nach Buchenwald verbracht. Von den Folgen der einjährigen Haft erholte er sich nicht mehr und starb 1940 in Gießen. Franziska Michel beging 1941 Selbstmord. Wohl um der Deportation zu entgehen.

Paula und Richard Rosenthal wurden ins Vernichtungslager transportiert. Vermutlich nach Treblinka. Ihr Zuhause war zuvor lange Jahre die Ludwigstraße 45. Und dort erinnern nun ebenfalls zwei "Stolpersteine" an das ermordete Ehepaar. Die Eltern von Gerda Dreyfuss hatten vor ihrer Flucht gehofft, dass ihre schwer behinderte Tochter in einer jüdischen Heil- und Pflegeanstalt bei Koblenz sicher sein würde. Vergebens. Von dort wurde die 1904 geborene Gerda ins Vernichtungslager Sobibor gebracht und getötet. Gelebt hatte die Familie Dreyfuss bis 1940 in der Steinstraße 69.

Und dann ist nach der Verlegung von elf "Stolpersteinen" der zweite Aufenthalt des Kölner Künstlers in Gießen beendet. Rund 18000 Steine mit Messingplatten hat er inzwischen verlegt. In 415 Kommunen in Deutschland. Aber auch in Österreich, Ungarn, Tschechien, Polen und den Niederlanden. Bald reist er mit einem "Stolperstein" nach Oslo. Und wenn man den Text auf einem verlegten Stein lesen möchte, sagte er, "ist es automatisch eine Verbeugung".

mit freundlicher Genehmigung der Redaktion