Lotte Herz

Lotte Herz, geboren am 7. Oktober 1914 in Gießen, Plockstr. 9, Tochter von Moritz Herz und Hanna Herz geb. Meyer, Schwester von Werner Guido Josef Herz

Adressen in Gießen: Neuen Bäue 23, Wilhelmstr. 10 (Juni 1940), Frankfurter Str. 11 (8. Nov. 1941), Walltorstr. 42 (4. Febr. 1942).

Lebensspuren:

Lotte Herz besuchte die Grundschule, vermutlich die Schiller-Schule (Grundschule für Mädchen); ab 1925 das Lyceum ( heute Ricarda-Huch-Schule) In der Unterprima gibt es einen nicht mehr zu klärenden Vorfall; in der Schulakte ist formuliert: "Betragen 3, mit Ausnahme eines schweren Falles. Der Bestrafung entzog sie sich durch ihren Austritt ( ausgetreten 01.03.1932)."

Lotte Herz hat ihr Abitur also nicht mehr abgelegt.

Über eine Ausbildung ist nichts bekannt.

Über das Leben von Lotte Herz nach dem März 1932 sind uns nur wenige Daten bekannt. Lotte lebte mit ihren Eltern und Bruder in der Neuen Bäue 23.

Aus ihrer Personenstandskartei geht hervor, dass sie ab dem 1.Mai 1936 für mehrere Monate in Berlin-Wilmersdorf gemeldet ist. Ab dem 4. Dezember des gleichen Jahres lebt sie aber wieder bei der Familie in Gießen.

Moritz Herz bemüht sich ab November 1938 intensiv um eine Auswanderungsmöglichkeit für Lotte. Er richtet 1938 bei der Dresdner Bank, Filiale Gießen ein Wertpapier-Depot für sie ein, um die geplante Auswanderung nach Amerika finanziell abzusichern.

Lotte beantragt am 29. Dezember 1938 zwei Geburtsurkunden, die nun zwangsweise den zweiten Vornamen "Sara" führen müssen. Sie benötigt die Urkunden für die geplante Auswanderung.

Aus einer Akte der Dresdner Bank geht hervor, dass Lotte Mitglied in einem Skiclub und beim Deutschen Tierschutzverein ist. Auswanderungsziel Nordamerika und Wartenummer sind hier belegt, ebenso die Tatsache, dass ein Visum noch nicht erteilt wurde. Ihr stehen von dem Konto monatlich 300 Reichsmark zur Verfügung.

Dieser Betrag wird nach und nach gekürzt, ab Mai 1941 darf sie nur noch 50 RM monatlich abheben. Am 3. Mai 1941 schreibt Lotte an die Dresdner Bank in Gießen einen Beschwerdebrief: "Es ist mir unmöglich, mit dem jetzt festgesetzten Freibetrag von RM 50.- auszukommen. Meine monatlichen Ausgaben sind ... zusammen 180.-" (Hessisches Wirtschaftsarchiv Darmstadt, Abt. 146, Nr.122).

Am 23. September 1939 besucht sie den mit der Familie befreundeten Gießener Schriftsteller Georg Edward, der in seinem Tagebuch berichtet:
"1939: 23. September (Sa) – Lotte Herz besuchte mich am Nachmittag und erzählte mir, die Geheime Staatspolizei habe sämtlich im Besitz von Juden befindlichen Radioapparate beschlagnahmt, und Werner Bock sagte mir am Abends, dasselbe sei bei ihm geschehen ...
1939: 24. September (So) – Lotte Herz hatte mich zur Feier ihres Geburtstages eingeladen und ich trank Tee mit ihr und ihren Angehörigen. Im Laufe der Unterhaltung hörte ich, dass Juden nur noch in gewissen Geschäften kaufen dürfen und nach 8 Uhr abends von der Strasse verbannt sind."
(in: Georg Edward 1869-1969. Dokumente einer langen, konfliktreichen Lebensreise, CD, hrsg. v. Hans-Joachim Weimann und Brigitte Hauschild, Gießen 2004)

Im Juni 1940 muss Familie Herz ihr Haus verlassen und zieht zwangsweise in die Wilhelmstr. 10. Die Gestapo hat sich das Haus Neuen Bäue 23 bereits vorher angeeignet und richtet im Keller des ehemaligen Bankhauses einen Folterkeller ein. Im November 1941 muss Familie Herz erneut umziehen, diesmal in die Frankfurter Str. 11 zu Familie Austerlitz, die dort eine Weinhandlung betrieben hatte. Im Februar 1942 beginnt die Ghettoisierung der Gießener Juden: alle werden zwangsweise in sogenannte Judenhäuser umgesiedelt, die Familie Herz in die Walltorstr. 42.

Am 14. September 1942 werden Moritz Herz und seine beiden Kinder Lotte und Werner wie die anderen 150 noch in Gießen lebenden Juden von der Gestapo aus ihren Wohnungen geholt und in die Goetheschule an der Westanlage gebracht. Zwei Tage später werden alle in einen Güterzug verladen. Der Zug mit den Gießener Juden steht eine Nacht auf dem Güterbahnhof und fährt dann nach Darmstadt. Nach etwa zwei Wochen wird Familie Herz mit 880 anderen Juden aus Hessen in das Vernichtungslager Treblinka transportiert. Auf der Steuerkarte von Lotte steht dafür: "verzogen am: 20.10.42 nach: unbekannt". Nach 1945 wird auf diese Kartei eingetragen: "gestorben am 8.Mai 1945 - Todeserklärung des Amtsgerichts Gießen v. 27.9.1949" (Stadtarchiv Gießen)

Leider ist es uns – der Patengruppe- nicht gelungen, Fotos von Lotte oder ihrer Familie ausfindig zu machen.