Moritz Herz
Moritz Herz, geboren am 9. März 1878 in Ehringshausen bei Wetzlar, von Beruf Bankier
Verwandtschaftsbeziehungen: Der Grabstein auf dem an der östlichen Mauer des Neuen Friedhofs gelegenen Familiengrabes überliefert die Lebens- und Sterbedaten der Eltern von Moritz Herz und die seiner 1940 verstorbenen Ehefrau Hanna geb. Meyer. Mit seiner Frau hatte er zwei Kinder: die Tochter Lotte, geboren am 7. Okt. 1914 und den Sohn Werner Guido, der am 5. Juli 1925 zur Welt kam.
Adressen in Gießen: Neuen Bäue 23, Wilhelmstr. 10 (Juni 1940), Frankfurter Str.11 (8. Nov.1941), Walltorstr. 42 (4. Feb. 1942).
Lebensspuren:
Moritz Herz übernahm von seinem Vater Joseph Herz die Bank "Herz & Co". Er war an Literatur und Malerei interessiert. Lange Jahre arbeitete er als Kassenwart im Gießener Goethe-Bund mit, der im Kulturleben der Stadt eine bedeutende Rolle gespielt hat. Im März 1938 muss Moritz Herz sein Bankgeschäft abmelden.
Nach dem November-Pogrom 1938, bei dem auch die Räume des
Bankhauses Herz geplündert werden, wird Moritz Herz für etwa
fünf Wochen ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Der
Gießener Schriftsteller Georg Edward berichtet in seinem
Tagebuch darüber: "1938: 7. Dezember (Mi) – Besuchte den
Bankier Herz, der kürzlich aus dem Konzentrationslager
Buchenwald zurückgekehrt ist. Er erzählte, es sei ihm bei
Todesstrafe verboten worden, darüber zu sprechen, aber was er
durchgemacht habe, seit entsetzlich gewesen. Man würde ihm auch
nicht glauben, wenn er schildern wollte, was für brutale
Bestien die Angestellten in den Konzentrationslagern seien.
Nicht nur die Juden, auch alle anderen Häftlinge würden
unmenschlich behandelt. Eine Anzahl der am 10. November
hingeschafften Juden sei wieder nach Hause geschickt worden,
aber Tausende habe man zurückbehalten. Viele seien infolge der
Misshandlungen gestorben. Alles ist entsetzlich und ich habe
alle Achtung vor dem deutschen Volk verloren, das zu allen
Untaten und Verbrechen stillgeschwiegen hat, die während der
letzten fünf Jahre verübt worden sind. ...
1939: 30. Juli (Sonntag) – Zum Diner bei Bankier Herz,
angenehme und freundliche Stimmung unter Leuten, die jetzt auf
Schritt und Tritt verfolgt werden ... Bankier Herz erzählte von
den Leuten, die er im Konzentrationslager zu ertragen hatte,
wie man ihm drohte, ihn zu erschießen, wenn er sich weigere,
die Kombination seines Tresors in der Bank zu verraten. Die
Tage, während derer er die Hinrichtung erwartete, seien das
Schrecklichste gewesen, das er je durchgemacht habe."
(in: Georg Edward 1869-1969. Dokumente einer langen,
konfliktreichen Lebensreise, CD, hrsg. von Hans-Joachim Weimann
und Brigitte Hauschild, Gießen 2004).
Nach seiner Rückkehr aus dem KZ bemüht sich Moritz Herz monatelang verzweifelt um eine Auswanderung für seine beiden Kinder. Der Schriftverkehr mit den englischen Schulen und Hilfskomitees ist erhalten geblieben, und es ist erschütternd zu lesen, mit welcher Höflichkeit und Dringlichkeit Moritz Herz nach England schreibt, um für Werner eine Schule zu finden, die ihn aufnimmt. Im September 1939 erhält er dann die Auskunft, dass es weder für Lotte, deren Auswanderungsziel die USA war, noch für Werner eine Möglichkeit zur Auswanderung gibt.
Im Juni 1940 muss Familie Herz ihr Haus verlassen und zieht zwangsweise in die Wilhelmstr. 10. Die Gestapo hat sich das Haus Neuen Bäue 23 bereits vorher angeeignet und richtet im Keller des ehemaligen Bankhauses einen Folterkeller ein. Im November 1941 muss Familie Herz erneut umziehen, diesmal in die Frankfurter Str. 11 zu Familie Austerlitz, die dort eine Weinhandlung betrieben hatte.
Im Februar 1942 beginnt die Ghettoisierung der Gießener Juden: alle werden zwangsweise in sogenannte Judenhäuser umgesiedelt, die Familie Herz in die Walltorstr. 42. Am 14. September 1942 werden Moritz Herz und seine beiden Kinder wie die anderen 150 noch in Gießen lebenden Juden von der Gestapo aus ihren Wohnungen geholt und in die Goetheschule an der Westanlage gebracht.
Zwei Tage später werden alle in einen Güterzug verladen. Der Zug mit den Gießener Juden steht eine Nacht auf dem Güterbahnhof und fährt dann nach Darmstadt. Nach etwa zwei Wochen wird Familie Herz mit 880 anderen Juden aus Hessen in das Vernichtungslager Treblinka transportiert. Auf der Steuerkarte steht dafür: "verzogen am: 20.10.42 nach: unbekannt". Nach 1945 wird auf diese Kartei eingetragen: "gestorben am 8.Mai 1945 Todeserklärung d. Amtsgerichts Gießen v. 27.9.1949". (Stadtarchiv Gießen)
