Würdigung Julius und Claire Stern geb. Thalheimer

Jetzt wollen wir gedenken der Familie von Julius, Claire und Esther Stern, die Mitte September 1942 das Ghettohaus Walltorstraße - das ehemalige israelitische Altersheim - verlassen mussten und am 30. September 1942 in dem letzten hessischen Großtransport mit 833 Personen von Darmstadt nach Izbica Lubelska in der Näher von Lublin deportiert wurden. In dem sogenannten Durchgangsghetto Izbica verlieren sich alle Spuren: Kein einziges Opfer überlebte.

Über Izbica zu lesen empfehle ich Ihnen das Taschenbuch von Thomas Toivi Blatt Berlin: Aufbau-Verlag 2000 "Nur die Schatten bleiben". Ein ergreifender Bericht.

Julius Stern wurde 1890 in Breidenbach im Hinterland geboren. Dort lebten seit vielen Generationen hessische Landjuden. Als Julius 10 Jahre alt war, kam er mit seinen Eltern und 6 Geschwistern nach Gießen in die Steinstraße 19 - das Haus hat den Krieg überstanden - wo sein Vater Isaak Stern und sein Großvater Joseph Stern eine Manufakturenwarenhandlung betrieben (Joseph Stern & Söhne). Von hier ging er zur Schule, machte eine kaufmännische Ausbildung und leistete Militärdienst. Er zog mit seinem Zwillingsbruder Hermann in den Ersten Weltkrieg, wurde verwundet und erhielt das Eiserne Kreuz.

Mit 30 Jahren heiratete er in Gießen Johanna Kaminka, die Uhrmachertochter aus dem Haus am Marktplatz mit der Nummer 11, wo wir am kommenden Samstag 3 Stolpersteine setzen lassen. Zwei Kinder kamen zur Welt: Helmut und Sonja, die heute hoch betagt in Israel leben. Nur wenige Jahre nach der Hochzeit starb Johanna Stern an Krebs. Julius Stern, nun Witwer mit zwei kleinen Kindern, fand jedoch schnell seine zweite Ehefrau durch Vermittlung eines Rabbiners. Dies war Claire Thalheimer aus Sennfeld bei Adelsheim in Nordbaden, also nicht aus der Nähe.

Ein Jahr nach der Eheschließung kam 1926 die Tochter Esther zur Welt. Nun bestand die Familie aus 6 Personen, denn Jettchen Stern, eine ledige Tante von Julius Stern, lebte inzwischen mit der Familie zusammen. Tante Jettchen verstarb im Jahr 1940, ihr Grab ist auf dem Neuen Friedhof.

In dem prächtigen Fachwerkhaus am Marktplatz 11 auch hier links vorn an der Wand auf einem Gemälde aus dem 19. Jahrhundert zu sehen - es wurde bekanntlich am 06. Dez. 1944 durch Bomben zerstört - wohnte die Familie Stern mit anderen jüdischen Familien zur Miete mehr als 10 Jahre lang. Da das Haus der Stadt Gießen gehörte, wurde schon zu Beginn der NS-Herrschaft den jüdischen Bewohnern gekündigt und so zogen die Sterns notgedrungen in die Löberstraße 20 um.

Obwohl sie der orthodoxen Religionsgemeinde angehörten, wurden die Kinder schon in jungen Jahren zionistisch geprägt und ausgerichtet, was sicherlich auch durch die hiesigen antisemitischen Auswüchse provoziert wurde.

Lesen Sie mal in den Auszeichnungen von Joseph (Helmut) Stern, dem Sohn von Julius, mit dem Titel "Stark wie ein Spiegel" bei Schmitz in Gießen erschienen 1989!

Daher konnten die beiden Kinder nach entsprechender Ausbildung und Vorbereitung zur Auswanderung 1936 der Sohn und 1938 die Tochter nach Palästina entkommen, wo sie heute noch leben. Sie waren damals gerade mal 15 bzw. 16 Jahre alt!

Bereits 1935, also lange vor der Pogromnacht zog die nunmehr 6 köpfige Familie erneut um, aus der Löberstraße in das sog. Ghettohaus Walltorstraße 48. Die Gründe sind mir nicht bekannt, aber gewiss zogen sie nicht freiwillig dahin!

Nach dem 09. November 38 wurde Julius Stern und andere Giessener Juden ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, gequält und gedemütigt - Einzelheiten in "Stark wie ein Spiegel" - obwohl er, wie bereits gesagt, Kriegsteilnehmer am ersten Weltkrieg war und durch ihn eine Verwundung am Bein erlitt, die nie ganz ausheilte. Auch die Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz hielt die Schergen von Buchenwald nicht davon ab, gegen sein verwundetes Bein zu treten und ihn zu verhöhnen, aber wir wissen ja längst, dass Millionen Juden noch grausameres, sinnloseres Leiden erdulden mussten, bis sie schließlich umgebracht wurden.

Kurz vor der Deportation war Julius Stern 3 Monate lang Zwangsarbeiter im Tiefbau. Von seinen sieben Geschwistern wurden vier nachweislich ermordet.

Julius Stern, ein deutscher Patriot, wurde 52 Jahre alt, seine Frau Claire Thalheimer wurde 48 Jahre und ihre Tochter Esther 16 Jahre alt.