Gedenkveranstaltung im Hof der Goetheschule am 12. Februar 2009
Die heutige Verlegung von Stolpersteinen zum ehrenden Gedenken an hiesige jüdische Opfer des Naziregimes, von denen nur 6 der im September 1942 insgesamt 330 Deportierten die Vernichtungslager überlebt haben, findet auf dem Hof der Gießener Goetheschule statt. Eine leicht übersehene Gedenktafel an der Außenfassade zur Westanlage erinnert an die bedrückende Rolle, die dieses Gebäude bei der Deportation so vieler Gießener jüdischer Bürger und von Juden aus der oberhessischen Umgebung gespielt hat.
- Für Ingbert und Martin Fuld gehörte die Goetheschule zur unmittelbaren, vertrauten Umgebung ihrer Kindheit bzw. Jugendjahre, obwohl sie die dort unterrichteten Alterskameraden wohl nur von weitem gekannt haben dürften.
- Heinrich Will bot die Goetheschule aufgrund der hervorragenden Aussicht, die er von der erhöhten Warte des Dachgeschosses aus über Gießen und das die Stadt umgebende Panorama genoss, lange ein ideales künstlerisches Atelier.
- Den Behörden des Dritten Reiches vor Ort diente die Goetheschule - neben der alltäglichen Indoktrinierung junger Menschen im nationalsozialistischen Ungeist - 1942 als günstig in Bahnhofsnähe gelegenes, rasch einzurichtendes Massenquartier, um die vorher stigmatisierten, rechtlich diskriminierten und ihrer Habe weitgehend beraubten jüdischen Bürger von hier aus in die Vernichtungslager abzutransportieren.
Das alles hat sich kaum unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgespielt, denn:
- Durch Gesetz vom 30. April 1939 war die Zusammenlegung jüdischer Familien in sog. "Judenhäuser" angeordnet worden. Auf diese Weise wurden bis 1942 mehrere Gebäude in der Stadt zu Gettohäusern umfunktioniert.
- Am 14. September 1942 erschienen Gestapobeamte in den Häusern Walltorstraße 12, 42, 48, Kirchplatz 4, Landgrafenstraße 8, Marburgerstraße 10 und Neuenweg 33 und wiesen die Bewohner an, ihre Sachen zu packen. Erlaubt waren ein Rucksack und ein Koffer, dazu etwas Handgepäck.
- Busse brachten die Menschen zur Goetheschule an der seit 1933 in "Horst-Wessel-Wall" umbenannten Westanlage 43, wo sie im Erdgeschoss und in der Turnhalle ein Massenlager aus Stroh erwartete.
- Die Kinder bekamen zwei Tage schulfrei.
- Nach vollzogener Deportation am 16. September vom Gießener Güterbahnhof aus wurde bereits mit Schreiben vom 17. an die Landräte in "Gießen - Friedberg - Alsfeld - Lauterbach - Büdingen und den Herrn Oberbürgermeister in Gießen" amtlicherseits festgestellt: "Die Evakuierung der Juden in Oberhessen ist durchgeführt. Die von ihnen innegehabten Wohnungen sind versiegelt. Über die von den Juden zurückgelassenen Gegenstände wird das Finanzamt baldigst verfügen. Die Bürgermeister haben von den in ihren Orten freigewordenen Judenwohnungen Kenntnis?"
Als offensichtlich einziges, weil aktenkundig gewordenes Problem im Zusammenhang mit der zwangsweisen Verschleppung ihrer Bürger sah die Stadt Gießen die Begleichung der ihr durch die sog. "Evakuierung der Juden" entstandenen Kosten an, weswegen sich der damalige Oberbürgermeister Dr. Hill schriftlich am 5. Oktober 1942 an die Außenstelle der Gestapo in der Neuen Bäue 23 mit folgender Bitte wandte:
"Anliegend übersende ich 3 Rechnungen über die durch die Bereitstellung eines Massenquartiers in der Goetheschule in Giessen entstandenen Kosten, und zwar:
- Stadtbauamt für Ausräumungsarbeiten usw. = 431,85 RM
- Goetheschule für Miete und Reinigung = 249,- RM
- Stadtwerke Giessen für Sonderfahrten = 147,30 RM
Ich bitte um Veranlassung der Überweisung der zu 1 und 2 genannten Beträge an die Stadtkasse Giessen und des zu 3 genannten Betrages an die Kasse der Stadtwerke Giessen."
Zu diesem Zeitpunkt waren die mit einem Transport am 30. September 1942 von Darmstadt aus in den besetzten Osten insgesamt 883 deportierten Juden aus dem Volksstaat Hessen bereits wahrscheinlich in Treblinka umgebracht worden. In der handschriftlich ausgefertigten Aufstellung der Stadtverwaltung Gießen findet sich für sämtliche von der Goetheschule aus Deportierten lediglich der Vermerk "verzogen nach unbekannt".
