Keine Stolpersteine mehr bis Jahresende 2011
Seit der letzten Verlegung im Oktober 2010 wird die Koordinierungsgruppe Stolpersteine in Gießen immer wieder gefragt, wann die nächste Verlegung geplant sei. In diesem Jahr keine! Denn die Gruppe hat sich zunächst mal das Ziel gesetzt, zu den bisher verlegten Stolpersteinen in Gießen eine Broschüre zu erstellen. Das kostet Zeit und Arbeit, die von der kleinen, ehrenamtlich arbeitenden Gruppe geleistet wird. Dennoch hoffen die Beteiligten, dass die Broschüre im Herbst vorgestellt werden kann. Die weitere Planung für Stolpersteine in Gießen wird erst danach in Angriff genommen. Es gibt schon einige Namensvorschläge, wie Monika Graulich berichtet, inklusive der Recherchen zur Lebensgeschichte der Personen und Geldzusagen (95 € pro Namenstäfelchen).
Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat mittlerweile knapp 30.000 Stolpersteine in 15 Jahren verlegt, auch im Ausland. Jede Messingplatte hat eine andere, wenn auch in der Wortwahl standardisierte Inschrift, die von einem individuellen Opferschicksal zeugt, dessen Aufklärung für die Rechercheure vor Ort häufig mit einem hohen Arbeitsaufwand verbunden war. Die Gedenksteine werden jeweils vor den letzten frei gewählten Wohnungen der NS-Opfer verlegt, in der Regel übernimmt Gunter Demnig diesen letzten Akt selbst.
Ein aktueller Bericht in der Sendung Panorama vergangene Woche (ARD, 16.6.2011) veranlasst die Stolpersteine in Gießen Koordinierungsgruppe zum aktuellen Gang an die Öffentlichkeit. Hintergrund ist die Entscheidung des Finanzamts Köln-Altstadt Ende des Jahres 2010, dass das mittlerweile europaweit anerkannte und auf zehn Länder ausgeweitete Stolpersteine-Projekt des Künstlers Gunter Demnig keine Kunst sei. Hintergrund: für den Verkauf von Kunstwerken sind nur 7 % Mehrwertsteuer abzuführen. Ein Finanzbeamter hat herausgefunden, dass es sich bei den Stolpersteinen lediglich um eine „2 mm starke Messingplatte“ handele, die überall als Hinweisschild angebracht werden könne. Es sei also normale Massenware, für die 19 % Steuern zu zahlen sei.
In der Konsequenz hätte dies für Demnig bedeutet, dass er 150.000 Euro nachzahlen müsste. Was schlicht den Ruin für ihn bedeuten würde, wie er in der Sendung Monitor sagte. Die WDR-Rechercheure befragten den zuständigen Minister der Finanzen in NRW dazu, dem sichtlich unwohl bei seiner formalen Antwort war. Kurz vor Ausstrahlung der Sendung ließ dieser dann vermelden, die Nachzahlung sei Demnig erlassen, aber künftig müsse er dann 19 % Mehrwertsteuer abführen. Wenn es dabei bleibt, würde das vermutlich bedeuten, dass die Stolpersteine teurer werden. Bleibt also abzuwarten, wie die weitere Entwicklung ist.
Ab Juli 2011 ist das Stolpersteine-Projekt also keine Kunst mehr. Insgesamt gesehen ein ungeheuerlicher Vorgang, dass Finanzbeamte darüber entscheiden, was Kunst ist. Da wird nicht die Meinung von Kunstexperten abgefragt, da wird nach Materialwert geschaut. In der Monitor-Sendung kam Prof. Kasper König vom Museum Ludwig (Köln) zu Wort: „Die Stolpersteine sind ein Kunstprojekt, bei dem mit minimalen Aufwand und ganz konkret Erinnerungsorte unseres deutschen Traumas und zugleich der Tod einer Person markiert werden.“ Dies hat bislang keine andere Form der Aufarbeitung geschafft.
stolpersteine-in-Gießen Koordinierungsgruppe:
Christel Buseck, Monika Graulich, Dagmar Klein, Ursula
Schroeter
